Togo
Das Lepradorf
Im Vorraum des Hotels, in dem mein Mann und ich wohnten,
hing eine große Landkarte von Togo. Auf dieser Karte entdeckten wir eine
Ortschaft die "Lepradorf" hieß.
Natürlich machten wir uns sofort auf den Weg dorthin.
Eine Reihe von Taxen wartete vor dem Hotel auf Kunden. Jedoch kein
Taxifahrer wollte uns zu unserem Zielort, dem Lepradorf, fahren.
Schließlich erklärte sich einer bereit, nachdem er allerdings den
dreifachen Preis für seine Fahrt erhalten hatte. Zusätzlich vereinbarte
er mit uns, dass er in 1 km Entfernung von dem Lepradorf anhalten und
dort auch auf uns warten würde.
Nach einigen Stunden Fahrt erreichten wir unser Ziel.
Beim Eingang zum Lepradorf befand sich eine Pforte, die von einem stark
hustenden, etwa 40 Jahre alten Mann bewacht wurde...
Er schaute uns sehr skeptisch an und sagte uns in
englisch abweisend: "Was wollt ihr? Hier darf man nicht rein!
Geht schnell weg von hier! Dort drin befinden sich Menschen,
die unter einer grässlichen Krankheit leiden!" Als er jedoch hörte,
dass wir einen sehr weiten Weg aus Deutschland gemacht hatten, um eben
mit diesen Menschen in Berührung zu kommen, wurde sein Staunen immer größer.
"Nur wenn ihr helfen wollt, hat es einen Sinn, reinzugehen",
meinte er.
Der Pförtner erklärte uns, dass das Lepradorf in den
dreißiger Jahren von Franzosen gebaut, aber nicht vollendet worden war.
"Jetzt kümmert sich niemand um uns," sagte er.
Wir gingen hinein. Es herrschte dort eine bedrückende
Stille. Die Atmosphäre war merkwürdig. Wir sahen ungefähr fünfzehn kleine
Häuser mit Palmenblättern, einige mit Wellblech bedeckt.
Ein junger Mann mit einem amputierten Bein und
einer Prothesenversorgung saß vor einem Haus, daneben ein kleines Kind.
Ein paar Schritte weiter saßen drei Frauen zusammen. Alle verhielten
sich stumm. Ich ging von einem Leprakranken zum anderen und reichte
ihnen die Hand. Waren ihre Hände und Arme stark verstümmelt, berührte ich
ihre Schulter.
Aus ihren Augen und ihrer Gesichtsmimik sprach
endloses Leid und Verzweiflung, auch aber Erstaunen. Wahrscheinlich
gab es hier normalerweise keine Gäste. Eine der drei Frauen stand auf
und vermittelte mir, dass ich stehen bleiben sollte. Sie selbst ging in ein
Haus und kam mit einem mit Wasser gefüllten Gefäß zurück. Langsam goss
sie das Wasser über meine Hände, dann wies sie mir den Weg zur Pforte.
Ich verstand ihre Geste. Sie wollte mich vor der Lepra bewahren, mich rein
waschen und mir den Fluchtweg zeigen. Ich machte keine Anstalten,
zurückzugehen und sie konnte es nicht fassen, dass ihre Bemühungen anscheinend
nutzlos waren.
So ging ich weiter durch das Lepradorf und begrüßte
die Leprakranken der Reihe nach mit Händedruck.
Die Leprakranken erfuhren mit Staunen, dass sie
von uns als gleichwertige Menschen geachtet wurden.
Ungefähr dreißig Menschen sind wir dort begegnet.
Das bedeutete dreißigmal Augenkontakt und das Bild von erschütterndem Elend.
Leider konnte ich mit keinem von ihnen ins Gespräch kommen, wegen einer
unüberwindbaren Sprachbarriere. Nur Gestikulationen und die Gesichtsmimik
verhalfen zur gegenseitigen Verständigung. Wir haben mitgebrachte
Kleidungsstücke verteilt. In einer kleinen, mit Wellblech bedeckten Hütte
haben wir dann eine Kapelle entdeckt. Mitten darin war ein Altar mit einer
Muttergottes-Statue. Dort haben wir einen Geldbetrag für die Gemeinschaft
der Leprakranken hinterlegt.
Beim Verlassen des Lepradorfes war der Pförtner leider
nicht auffindbar. So konnten wir nichts näheres über die Versorgung des
Dorfes erfahren. Es gelang uns auch nicht bis zu unserem Abflug aus Togo,
darüber eine Auskunft zu bekommen.
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