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Nalgonda - Indien A.P.
18 Stunden verbrachte ich im Schnellzug, der mich von Madras nach Haiderabad brachte.
Eine Flugverbindung wäre zeitsparender gewesen, doch die Zugreise vermittelte mir
und meinem Sohn Attyla, der mich begleitete, einen ungeahnten und "hautnahen" Kontakt
zu dem Alltagsleben in Indien.
An jeder Haltestation drängten die Menschen mit einer Unmenge an sperrigem Gepäck,
auch Hühnern, Gänsen, Ziegen und anderen Haustieren in den Zug. Es wurde immer enger.
Bei der Ankunft am Bahnhof in Haiderabad wimmelte es nur so von Menschen, einige
lagen auf der Erde.
So mussten wir vorsichtig über die vielen Menschenkörper in Richtung Ausgang samt Gepäck
durchdringen. Bei einer Hitze von knapp 40° C und Hunger und Durst - aus Angst
vor einem Infekt nahmen wir vorsorglich keine Nahrung zu uns - suchten wir die Busstation,
um weiter nach Nalgonda zu fahren.
Der Bus, mit dem wir fuhren, war doppelt und dreifach überfüllt.
Endlich rief der Busfahrer "Nalgonda". Wir wollten aussteigen und wurden aber samt unseren
beiden Koffern aus dem Bus herausgedrückt.
Jetzt hieß es bergauf zu laufen oder sich mit einer Rikscha zum Lepracentrum fahren zu lassen.
Wir waren schon völlig erschöpft, ließen uns deswegen von zwei Rikschas fahren, obwohl
die Fahrer Jugendliche waren, die mit eigener Körperkraft die Rikschas befördern mussten.
Unterwegs erinnerte ich mich an das 1986 in Würzburg stattgefundene
"Symposium on Multidrug Therapy in Leprosy", an welchem ich den Tropenmediziner,
Pater Dr.Luigi Pezzoni, den Gründer und Direktor des Lepracentrum Nalgonda kennen gelernt
hatte. Da es ein musterhaftes Lepracentrum war, habe ich mich entschlossen, es zu besichtigen.
Der nette Arzt aus Würzburg war in seiner Tropenkleidung und langem Bart völlig verändert,
aber er nahm uns mit großer Herzlichkeit auf.
Ich betrat ein 200-Betten-Krankenhaus, überfüllt mit stationären und ambulanten Leprakranken,
die zur regelmäßigen ärztlichen Kontrolle erscheinen; es gab Rehabilitations-Möglichkeiten,
eine Schule und ein Internat für ca. 400 Kinder und einige 100 Häuser, die eine feste
Bleibe für die ausgeheilten Leprakranken bedeuten. Das alles ist dem Tropenmediziner
Luigi Pezzoni und seinen Spendern zu verdanken.
Wir besichtigten alles und machten uns bei der Wundpflege nützlich und untersuchten die
ambulanten Leprakranken.
In der Ambulanz:
Eine junge Frau mit einem kleinen Kind im Arm kam verzweifelt ins
Leprazentrum und gab uns an, dass ihre Nase seit der Geburt ihres Kindes
stets kleiner wurde.
Zutiefst erschrocken nahm sie nach der Untersuchung ihre
Diagnose zu Kenntnis: bakterienreiche Form der Lepra! Nach einem aufklärenden Gespräch
wurde sie ruhiger. Wir gaben ihr Medikamente mit und sie hatte allen Grund,
auf Heilung zu hoffen!
Rundgang im Leprazentrum:
Während eines Spazierganges mit Dr. Luigi durch die in dem Leprazentrum
neu gebauten Straßen lernte ich eine große Zahl
der dort wohnenden Kranken persönlich kennen.
Eine 30 jährige Frau öffnete ihre Tür und lud uns freundlich in ihr kleines
Zimmerchen, in dem sie wohnte, ein. Sie hatte ein amputiertes Bein
mit Prothesenversorgung.
Der Arzt erzählte: "Ich mache laufend Reihenuntersuchungen der Bevölkerung
in Nalgonda und Umgebung. Ich gehe von Haus zu Haus und untersuche
die Menschen. So klopfte ich auch eines Tages an die Tür ihrer Eltern und fragte nach
Lepraerscheinungen. Die Eltern verneinten. Ich ließ mir Zeit und untersuchte
die ganze Familie, die Eltern und zwei Söhne. Plötzlich hörte ich ein
leises Weinen. Die Eltern sagten, ich hätte mich verhört. Außer der vierköpfigen
Familie wohne hier keiner. Das leise Weinen wiederholte sich aber. Als ich sehr
energisch den Eltern erklärte, ich gehe von hier nicht raus bevor ich die
weinende Person untersucht habe, gaben sie an, sie hätten noch eine
Tochter, die jedoch leprakrank sei." Aus Angst, dass ihre Söhne keine Frau bekommen
würden, da Lepra ein Schandfleck sei, hatten sie ihre Tochter eingemauert
in ihrem eigenen Haus. Durch ein Loch in der Mauer gaben sie ihr einmal
täglich etwas zum essen und trinken. Die Mauer rieß Luigi
sofort nieder und nahm das erschrockene, zitternde Mädchen mit sich auf
dem Motorrad ins Lepracentrum. Seit dieser Zeit wohnt sie dort. Das Bein
konnte man leider nicht mehr retten...
Diese und ähnliche erschütternde Patienten-Geschichten weckten bei den Dinslakener
Bürgern eine große Hilfsbereitschaft. Mit dem gespendeten Geld wurde eine Straße
mit zwei Reihen von Häusern gebaut: die "Dinslakener Strasse".
Die im Lepracentrum geheilten Leprakranken, die aus ihren eigenen Familien ausgestoßen waren,
fanden hier eine neue
Bleibe und schöpften gleichzeitig Hoffnung auf ein neues Leben.
Durch den Bau eines Ambulatoriums gelang es von Dinslaken aus,
die ambulante Behandlung von der stationären zu trennen.
Auch Rehabilitationsmaßnahmen wurden von Dinslaken unterstützt. (siehe
Gemeindearbeit in Dinslaken).
Der 17. Weltleprakongress hat Januar/Februar 2008 in Hydarabad, Indien, stattgefunden. Da Nalgonda nur zwei Stunden
Autofahrt von Hyderabad entfernt ist, besuchte ich mit acht Lepraärzten der ehemaligen Sowietunion das Leprazentrum
Nalgonda. Wir wurden auf das Herzlichste vom Pater Dr. Luiggi Pezzoni, dem Personal und auch den Leprakranken, begrüßt.
Die Situation der Patienten ist deutlich besser geworden, im Vergleich zu der vor 18 Jahren, bei meinem ersten Besuch.
Die Patienten sind rundum versorgt und liebevoll betreut!
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