Tadschikistan
Im Jahre 1998 bereiste ich in Begleitung meines Mannes zum erstenmal dieses Land.
Dank der Deutschen Botschaft in Duschanbe konnten wir noch vor unserer Reise nach
Tadschikistan die von uns beim Gesundheitsministerium in Duschanbe angeforderten Angaben
bezüglich der Leprakranken erhalten.
Flugkarten nach Duschanbe waren in Deutschland nicht zu bekommen. Man informierte uns, dass
wegen der unsicheren politischen Situation vor Ort Tadschikistan nur mit einheimischen
Fluglinien erreichbar ist.
So kauften wir unsere Flugtickets durch Beziehungen der kasachischen Lepraärzte in Almaty,
Kasachstan.
Bei der Passkontrolle vor dem Abflug herrschte ein Gedränge und Geschrei, da nur für
26 Fluggäste nicht nummerierte Sitzplätze vorhanden waren, die Zahl der Passagiere jedoch
deutlich höher war. Sechs Medikamenten - Kartons, vom Deutschen Aussätzigen Hilfswerk (DAHW)
gespendet, mussten wir allein durch den Flughafen tragen und auch alleine in das kleine
Flugzeug hinein schleppen. Einen Karton davon stellte man zurück, da das Flugzeug schon
überbelastet war.
Nach drei Stunden Flug landeten wir in Duschanbe. Im Flughafen warteten auf uns zwei junge,
sehr freundliche Ärzte, die uns samt der Kartons in einem Notarztwagen unterbrachten. Wir
fuhren los, ohne zu wissen, wohin.
Sie hielten vor dem Regierungs-Hotel.
Soldaten, doppelt bewaffnet mit Pistolen und Kalaschnikow, sicherten das Hotel außen und im
Inneren des Hotels auf jeder Etage ab.
Man machte uns sofort klar, dass wir das Hotel allein nicht verlassen dürften. Deshalb wurden
wir auch täglich vom Hotel abgeholt und zurückgebracht.
Gleich am nächsten Tag empfing uns der Gesundheitsminister, Herr Mr. Ahmedov Alamkhon
Ahmedovich. Er dankte uns an erster Stelle für den Mut, den wir aufgebracht hatten, um sein
Land zu besuchen.
"Es kreisen so viele unglaubliche Gerüchte über Tadschikistan, die Ausländer in Panik
versetzen", sagte er. An zweiter Stelle dankte er für die humanitäre Leprahilfe. Vor
unserem Rückflug sprach er noch einmal mit uns, um die Situation der Leprakranken in
seinem Lande einschätzen zu können.
Im tadschikischen Leprosorium, Hanaka genannt, waren die Patienten über unseren Besuch
sichtlich erfreut.
Sie versammelten sich unter einem Baum im Schatten und wollten ausführlich über die neue
Therapie mit den Kombinationspräparaten ( MDT ) informiert werden.
Sie klagten über ihr Schicksal, über mangelhafte Ernährung, über schlechte Betreuung und
über den Mangel an Medikamenten und Verbandsmaterial. "Man nimmt uns hier gar nicht wahr,
wir sind verlassen, keiner will uns helfen, keiner versteht uns, jeder hat vor uns Angst",
sagten die Leprakranken.
Und tatsächlich, ihre Lage, so wie wir sie wahrnahmen, war sehr schwierig. Wasser musste man
mit Eimern vom nahe gelegenen Fluss heranschleppen . Es gab keine Kanalisation und Strom war
nur zeitweise vorhanden. Das Leprosorium hat keine telefonische Verbindung und war so
wesentlich von der Welt abgeschnitten.
Der Lepraarzt staunte über unseren ´furchtlosen Umgang´ mit den Leprakranken.
"Ich habe solche Menschen wie Euch noch nie erlebt", sagte er. "Wieso habt ihr keine Angst
vor der Lepra?"
Zusätzlich zu unseren mitgebrachten Hilfsgütern haben wir drei Kühlschränke und andere
notwendige Sachen eingekauft, was gar nicht so leicht war, da wir häufig Schüsse hörten
und uns aus Sicherheitsgründen vorsichtig verhalten mussten.
Das zweite Gespräch beim Gesundheitsminister fand in Anwesenheit von Mitarbeitern des
Fernsehens statt.
Zwischen dem Deutschen Aussätzigen Hilfswerk DAHW in Würzburg und dem Gesundheitsminister
wurde eine Vereinbarung, die Hilfsaktionen zur Bekämpfung der Lepra beinhaltete, unterzeichnet.
Es ist mir gelungen, im Fernsehen über das Krankheitsbild und die Behandlung der Lepra zu
sprechen und die Bevölkerung aufzufordern, im Zweifelsfall sich untersuchen zu lassen. In
den TV- Nachrichten wurden diese Informationen in der russischen, tadschikischen und
usbekischen Sprache ausgestrahlt.
Während der sieben Tage unseres Besuches in Tadschikistan haben wir täglich Schüsse gehört
und bewaffnete, schussbereite Soldaten und Panzer auf den Straßen gesehen. Die Menschen
sagten uns, dass sie ängstlich und deprimiert sind. Sie träumen von einer friedvollen
Zukunft im eigenen Land.
Sie träumen auch von einer stabilen, wirtschaftlichen Situation.
Trotz der Armut und der alltäglichen Angst um das eigene Leben, waren die Menschen
überschwänglich gastfreundlich. Eine uralte tadschikische Sitte war für sie auch in
schweren Zeiten maßgebend, nämlich dass man erst für den Gast sorgt, dann für die
eigenen Kinder und zuletzt denkt man an sich selbst. So sind auch wir als Gäste besonders
umsorgt worden.
Im September 1999 war es endlich auch möglich, Flugkarten nach Tadschikistan in Deutschland
zu kaufen.
Im Anbetracht des 1998 in Duschanbe unterzeichneten Vertrags, fühlte ich mich verpflichtet,
die vereinbarten Hilfsgüter des DAHW nach Duschanbe zu bringen. Es waren drei Mikroskope
und sehr viele Medikamente.
Im Auftrag des DAHW haben wir auch ein neues Auto vom Typ Lada Niva in Duschanbe gekauft.
Damit wurde die Versorgung der Leprakranken im Leprosorium Hanaka gesichert und der Kontakt zwischen dem Leprosorium und Duschanbe sichergestellt.
In Anwesenheit von einigen Ärzten und Beamten des Gesundheitsministeriums, des Fernsehens und
der Presse, haben wir die Autoschlüssel dem Gesundheitsminister Herrn Ahmedov Ahmedovich
übergeben. Anschließend wurde der Schlüssel dem Lepraarzt, Dr Kosimov, für seine Arbeit
überreicht.
Eine Zusammenarbeit mit dem DAHW für die nächsten fünf Jahre wurde während der Lepra
Konferenz der zentralasiatischen Länder 1999 in Almaty vereinbart.
2005
Die Zusammenarbeit mit dem tadschikischen Lepraarzt ist außergewöhnlich gut. Dr. Azizullo Qosimov ist sehr kooperativ. Er promovierte in Duschanbe mit einer Arbeit über die Leprakunde des Landes. Unabhängig davon verfasste er ein Buch:
„Lepra in Tadschikistan“. Auf meinen Rat erlernte er die englische Sprache und präsentierte nach dem Abschluss mit Stolz sein Zertifikat.
2006
Dr. Azizullo Kosimov organisierte im Jahre 2006 im Präsidentenhaus in Duschanbe eine Internationale Leprakonferenz. Diese wurde
vom Gesundheitsminister geleitet. Im Anschluss dieser Konferenz wurden alle WHO Empfehlungen bezüglich der Lepraarbeit akzeptiert
und als Richtlinien für die nächsten Jahre in Tadschikistan zu eigen gemacht.
Dank der Sprachkenntnisse konnte Dr. Azizullo in Äthiopien wie auch in Indien (Bombay) Reha-Schulungen belegen.
2008
Im Januar 2008 stellte er auf dem Weltkongress der Lepra in Hyderabad, Indien, das Thema: „Lepra in Tadschikistan“ vor.
Das tadschikische Leprosorium hat sich dem entsprechend positiv verändert. Auch die wirtschaftliche Situation hat
sich deutlich dort verbessert.
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